Hafenpost

Einmal raus aus dem Wasser, bitte!

Normalerweise ist die Seelöwe dort im Einsatz, wo gebaut, repariert und instand gehalten wird. Doch wer ständig arbeitet, braucht irgendwann selbst eine Pause.

Luftaufnahme einer Werft an einem Fluss: Das Schiff „Seelöwe“ liegt mit grüner Grundierung auf der Helling, daneben Werkhallen und Marschwiesen.
#Hafenbau|  8 Min.

Anfang September hieß es deshalb: Kurs auf Oldersum und die Schiffswerft Diedrich. Kurz vor Ende der Werftzeit haben wir Schiff und Crew besucht.

Die Seelöwe gehört zum Technischen Service von NPorts und ist in Norddeich stationiert. Mit Bordkran und Hydraulikbagger ist das Arbeitsschiff für ganz unterschiedliche Aufgaben ausgerüstet. Die Crew transportiert Material, unterstützt Arbeiten an Wasserbauwerken oder setzt und zieht Pfähle.

Im Sommer war die Seelöwe zum Beispiel bei der Erneuerung der Dalben an den Schwerlastrampen in Norderney und Norddeich im Einsatz. Unter anderem brachte sie acht aufgearbeitete Donut-Fender zur Baustelle auf Norderney.

Alle zweieinhalb Jahre raus aus dem Wasser

Grund für den Werftaufenthalt war in erster Linie die anstehende Zwischenbesichtigung durch die Klassifikationsgesellschaft DNV. Dafür muss die Seelöwe regelmäßig aus dem Wasser. Und genau dann bietet sich eine Gelegenheit, die man im normalen Arbeitsalltag nicht hat: das gesamte Unterwasserschiff genau unter die Lupe zu nehmen.

„Interessant ist das schon zu sehen, wie das Schiff unter Wasser aussieht“, erzählt Kapitän Holger Jakobs. Schließlich bekomme die Crew diesen Teil ihres Arbeitsplatzes zweieinhalb Jahre lang nicht zu Gesicht. Auf der Werft lässt sich dann kontrollieren, ob beispielsweise Lackschäden oder Beschädigungen vorhanden sind und in welchem Zustand die Zinkanoden sind. Die Anoden haben dabei eine unscheinbare, aber wichtige Aufgabe: Sie schützen metallische Teile des Schiffes vor Korrosion. Im Wasser opfert sich vereinfacht gesagt das unedlere Metall der Anode, damit andere Bauteile des Schiffes weniger stark angegriffen werden.

Vom blanken Stahl bis zum neuen Anstrich

Auf der Werft war zunächst wenig von einem frisch herausgeputzten Arbeitsschiff zu sehen. Im Gegenteil: Auf unseren Bildern steht die Seelöwe hoch und trocken an Land, während der Rumpf blank und rostbraun erscheint.

Heck der „Seelöwe“ vor der Beschichtung: blanker, rostiger Stahl, der Schiffsname ist nur noch schwach zu erkennen.

(Bild: Saathoff/NPorts)

Mit Höchstdruckwasserstrahlen wurde die alte Beschichtung des Rumpfes entfernt. Rund 2500 Bar kamen dabei laut Crew zum Einsatz. Anschließend wurde der Schiffskörper neu konserviert. Was auf den Fotos spektakulär aussieht, dient vor allem dem langfristigen Schutz des Schiffskörpers. Denn Wasser, Salz und Sauerstoff setzen Stahl zu. Eine intakte Beschichtung trennt das Metall von dieser Umgebung und schützt so vor Korrosion.

Heck der „Seelöwe Norddeich“ auf der Helling mit grüner Grundierung und rot abgesetzten Kanten.Heck der „Seelöwe Norddeich“ nach dem Neuanstrich: schwarzer Rumpf, rotes Unterwasserschiff und weiße Schrift.

Wie sehr sich das Erscheinungsbild während der Arbeiten verändert, zeigen die Fotos besonders gut: erst blanker Stahl, dann Grundierung und schließlich wieder die vertraute Lackierung der Seelöwe.
(Bilder: Saathoff/NPorts)

Welle, Lager, Ventile – und ein Blick in die Tanks

Wenn das Schiff schon einmal an Land steht, werden möglichst viele Arbeiten gebündelt, die während des normalen Betriebs nur schwer oder gar nicht möglich wären. So wurden unter anderem Ventile ausgebaut und die Steuerbordwelle sowie deren Lager bearbeitet beziehungsweise ausgetauscht. Unter Deck wurden außerdem die Ballastwassertanks geöffnet und „befundet“ – im Werftjargon bedeutet das: öffnen, hineinschauen und den Zustand beurteilen. Dabei werden unter anderem Beschichtung und Bauteile auf Auffälligkeiten kontrolliert.

Auch bei der Hydraulik hat sich etwas getan. Zwei neue Zubringerpumpen für die Zentralhydraulik wurden eingebaut. Hinzu kam eine neue Pumpe zum Lenzen des Laderaums.

Alter, abgenutzter Vierblatt-Propeller aus Bronze auf einer Holzpalette, mit Kreide als „Seelöwe Stb“ beschriftet.Neuer, hochglanzpolierter Vierblatt-Propeller auf einer Palette, mit Aufkleber des Propellerherstellers und Beschriftung „Seelöwe“.

Auch die Propeller wurden demontiert und aufgearbeitet. (Bilder: Saathoff/NPorts)

 

Und dann ist da noch das Bugstrahlruder.

Geöffnetes orangefarbenes Getriebegehäuse im Maschinenraum, im Inneren sind Welle und Kegelrad zu sehen.

(Bild: Saathoff/NPorts)

Das hilft dabei, den Bug seitlich zu bewegen und erleichtert damit insbesondere das Manövrieren auf engem Raum. Auch dieses Bauteil ließ NPorts während des Werftaufenthalts durch den Hersteller inspizieren. Nicht, weil die Klassenbesichtigung dies zwingend erforderte, erklärt Kai-Uwe Saathoff, Koordinator der Schiffsreparatur. Vielmehr nutzt NPorts bewusst den Zeitpunkt, zu dem das Schiff ohnehin aus dem Wasser ist. Eine solche Kontrolle während des laufenden Betriebs würde zusätzliche Ausfallzeit verursachen.

Grüner Mobilkran hebt eine lange Antriebswelle aus dem Schiff, im Hintergrund weitere Schiffe am Werftkai.Ausgebaute Welle liegt auf Holzböcken am Boden, zwei Werftmitarbeiter mit Schutzhelm begutachten sie.

Mit den Ankerpfählen kann sich die Seelöwe bei Arbeiten auf Position halten. Während der Werftzeit sind die Drähte gewechselt worden.
Bild: Saathoff/NPorts)

Neu gefertigte, grau grundierte Stahlbauteile mit runden Aussparungen in einer Werkhalle.

Die Laderaumdeckel wurden ausgebaut und konserviert. (Bild: Saathoff/NPorts)

Werftzeit ist für die Crew keine Pause

Während die Seelöwe an Land steht, hat ihre Besatzung keineswegs frei. Im Gegenteil: Die Wochen in der Werft bieten Gelegenheit für all die Dinge, für die zwischen den Einsätzen häufig kaum Zeit bleibt. Und das beginnt manchmal erstaunlich unspektakulär: Werkstatt aufräumen. Alte Materialien aussortieren. Flurplatten herausnehmen und gründlich reinigen. Wände schrubben. Seefilter auseinandernehmen und säubern.

„So ein Frühjahrsputz quasi“, fassen wir beim Besuch zusammen.
„Genau“, kommt prompt die Antwort der Crew.

Daneben stehen handfeste technische Arbeiten auf der Liste. Mehrere Hydraulikschläuche im Maschinenbereich wurden beispielsweise von der Besatzung selbst erneuert – allein damit war sie rund eine Woche beschäftigt. Einfach irgendwo loslegen können Crew und Werft dabei allerdings nicht. Auf engem Raum arbeiten verschiedene Gewerke gleichzeitig. Die Arbeiten müssen deshalb aufeinander abgestimmt werden. Oder, wie es an Bord sehr viel pragmatischer heißt: Man muss aufpassen, dass man sich nicht gegenseitig „auf die Füße tritt“.

Damit aus den vielen Einzelarbeiten am Ende wieder ein einsatzfähiges Schiff wird, braucht es jemanden, bei dem die Fäden zusammenlaufen. Diese Aufgabe übernimmt bei der Seelöwe Kai-Uwe Saathoff. Er begleitet die Arbeiten für NPorts, überwacht und dokumentiert sie und kümmert sich anschließend auch um die Abrechnung.

Fast fertig – aber eben nur fast

Bei unserem Besuch sieht die Seelöwe schon wieder deutlich mehr nach Schiff und weniger nach Baustelle aus. Trotzdem zeigt sich an diesem Tag, warum sich das Ende einer Werftzeit nicht immer auf die Stunde genau planen lässt.

Eigentlich hatte die Crew die Rückfahrt nach Norddeich schon ins Auge gefasst. Doch unter anderem fehlen noch Fenster. Deshalb sitzen wir beim Gespräch mit Kapitän Holger Jakobs und Decksmann und Baugeräteführer Marco Wilken zwar dort, wo die Mannschaft normalerweise gemeinsam am Tisch sitzt – Tageslicht kommt aber noch nicht herein.
Neben dem Einbau der Fenster stehen unter anderem noch die Montage von Gitterrostplatten, Arbeiten an einer Kabeldurchführung sowie die abschließende DNV-Abnahme auf der Liste.

Und danach? Wieder anpacken.

Vier Männer auf dem Vorschiff der frisch überholten „Seelöwe“, die am Kai festgemacht ist.

Decksmann und Baugeräteführer Marco Wilken (v.l.), Baugeräteführer Jann Ites, Kapitän Holger Jakobs und Koordinator Kai-Uwe Saathoff
(Bild: Ziegeler/NPorts)
 

Wohin die erste Fahrt nach der Werft führt, steht bei unserem Besuch noch nicht fest. Norderney oder Wangerooge könnten die nächsten Ziele sein – entschieden wird danach, wo die Arbeiten die höchste Priorität haben. 
Aufgaben gibt es schließlich genug. 
 

Youtube-Video: Hafenblick: An Bord der Seelöwe

 

 4         von: Jantje Ziegeler

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